PFL - Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen

Herausforderungen im Kontext von Sozial- und Familienpolitik

„Die Nachfrage von Familien wird immer größer, die Fälle werden immer komplizierter. Nur die Kapazitäten der Beratungsstellen, die ihnen beistehen könnten, sind seit 25 Jahren nicht mehr gewachsen."

Unsere Leitlinien

  • Beratungsdienste haben eine ausgesprochen hohe Bedeutung im Rahmen der präventiven Hilfen für Familien. Sie leisten u.a. einen bedeutsamen Beitrag zur Gesundheitsförderung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern. 

  • Beratungsstellen brauchen sichere Rahmenbedingungen und eine bedarfsgerechte personelle Ausstattung, um ihre fachliche Leistungsentwicklung, Qualitätssicherung und konzeptionelle Weiterentwicklung zu gewährleisten.

Die Verlässlichkeit familialer Strukturen wird zunehmend brüchiger, die sozialen Teilhabechancen in unserer Gesellschaft driften immer weiter auseinander, und die Lebenslagen insbesondere von armen Familien und ihren Kindern werden zunehmend prekärer[1]. Diese gesellschaftlichen Entwicklungen stellen eine zentrale Herausforderung für Gesellschaft, Politik und Kirche dar; sie lassen insbesondere auch „die Risiken für das Scheitern von Sozialisation“[2] steigen. Das bekommen die (überwiegend in karitativer Trägerschaft organisierten) Beratungsdienste in Baden-Württemberg nachdrücklich zu spüren: Sie müssen einem hohen Bedarf und gestiegener Nachfrage mit begrenzten und stagnierenden, teilweise sogar reduzierten personellen und finanziellen Ressourcen begegnen. Die Problemkonstellationen ihrer Klienten sind häufig mehrdimensional und sehr komplex[3]; der Anteil der psychischen und sozialen Mehrfachbelastungen hat deutlich zugenommen.

Erziehungsberatung (§ 28 SGB VIII) als gesetzlicher Auftrag der öffentlichen Träger der Jugendhilfe ist eindeutig die am häufigsten in Anspruch genommene Hilfeart im Rahmen der erzieherischen Hilfen. Ihr zentrales Anliegen ist die Verbesserung der familialen Kommunikation, die als eine der Determinanten von Gesundheit gilt. Darüber hinaus trägt sie zur Bewältigung der Lebenswelt Schule durch die Kinder und Jugendlichen bei.[4] Innerhalb des Systems der Hilfen zur Erziehung stellt Erziehungsberatung die mit Abstand kostengünstigste Hilfe dar. Dies gilt selbst dann, wenn eine zeitintensive therapeutische Einzelfallhilfe mit einem Mehrfachen des durchschnittlichen Zeitaufwands erforderlich wird.[5]

Das Angebot in der Erziehungsberatung ist in der Bundesrepublik insgesamt seit 1982 praktisch unverändert.[6] Wie die Fallzahlen belegen, wächst dagegen die Nachfrage kontinuierlich.[7] Zudem steht im ländlichen Raum Baden-Württembergs ein geringeres Beratungs- und Hilfsangebot zu Verfügung[8]; die interkommunalen Disparitäten sind so gravierend wie bei keiner anderen erzieherischen Hilfe.[9] Die geringere Beratungsstellendichte und/oder Personalausstattung lässt sich allein mit einer geringeren Wirksamkeit der bedarfsgenerierenden Faktoren nicht begründen.[10]

Da das Hauptaugenmerk der Familienpolitik auf das Kindeswohl ausgerichtet ist, geraten Eltern – und damit auch die Bedeutung von Ehe-, Familien- und Lebensberatung – leicht aus dem Blick.[11]  Dabei besteht aus wissenschaftlicher Perspektive Konsens darüber, dass eine zufrieden stellende Beziehung der Eltern mit guten Eltern-Kind-Beziehungen und kompetentem Erziehungsverhalten einhergeht. Gleichzeitig dokumentieren zahlreiche Studien, dass gravierende Partnerschaftskonflikte der Eltern Kinder sowohl direkt (d.h. über das Miterleben von destruktiven Konflikten) als auch indirekt über negative Veränderungen des Erziehungsverhaltens beeinträchtigen. Hilfen für Paare sind daher letztlich immer auch als Hilfen für Familien zu verstehen.[12] Verglichen mit den volkswirtschaftliche Kosten von Scheidungen[13] ist die öffentliche Mitfinanzierung der präventiven Partnerschaftsberatung als Teil der Familienberatung bisher zu gering; die Förderung durch die Landkreise und Kommunen variiert im Extrem zwischen keinerlei Zuschüssen und einer mit der Erziehungsberatung vergleichbaren öffentlichen Förderung. In der Regel werden die öffentlichen Zuschüsse dem öffentlichen Auftrag nach § 17 SGB VIII nicht gerecht.“ [14]

Herausforderungen im Rahmen der organisatorischen und fachlichen Entwicklung

Im Jahr 2009 wurden die an 9 Standorten parallel vorhandenen Psychologischen Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensfragen der Diözese (EFL) mit den Erziehungsberatungsstellen (EB) des Caritasverbandes zur Psychologischen Familien- und Lebensberatung (PFL) in Trägerschaft des Diözesancaritasverbandes zusammengeführt. Für die 7 überwiegend Ökumenischen Psychologischen Beratungsstellen mit einem seit Jahrzehnten integrierten Beratungsangebot der PFL bleibt die Trägerschaft bzw. Mitträgerschaft der Diözese mittelfristig erhalten. Die Kooperation mit den evangelischen Partnern wird fortgesetzt und gegenwärtig systematisch weiterentwickelt.

Mit Abschluss des mehrjährigen Projekts Familienberatung wurde am 07.04.2010 die gemeinsam mit dem Diözesancaritasverband herausgegebene diözesane Konzeption der Psychologischen Familien- und Lebensberatung (PFL) in Kraft gesetzt.

Zentrale organisatorische und fachliche Aufgabe ist die Umsetzung dieser gemeinsamen Konzeption in der trägerübergreifenden Kooperation der PFL-Leiterinnen und -Leiter und der Trägerverantwortlichen sowohl auf Diözesanebene wie auch an den einzelnen PFL-Stellen vor Ort. Fachliche Herausforderung im Jahr 2011 ist die vereinbarte Prüfung der von den relevanten Fachverbänden definierten  beruflichen Standards sowie die Entwicklung des Qualitätsmanagements auf der Basis der in der diözesanen Konzeption festgelegten Strukturen.

Träger und MitarbeiterInnen verstehen Beratung als einen seelsorgerlichen und diakonischen Dienst. Auf der Grundlage der Konzeption bedeutet dies für die Kooperation im jeweiligen Dekanat u. a.:

a)    Die PFL wirkt am Auftrag der Kirchengemeinden und Seelsorge-einheiten zum diakonischen Handeln mit. In diesem Kontext gilt es, die Erfahrungen der PFL in kirchlichen Bezügen vor Ort zu thematisieren.

b)    Die Leitung der PFL kooperiert mit den anderen katholischen Einrichtungen und Seelsorgeeinheiten und wirkt mit bei einer zuver-lässigen, strukturierten und abgestimmten Zusammenarbeit in ihrem Themenspektrum im Dekanat. Auf Einladung des Dekans nimmt die PFL-Leitung an Konferenzen im Dekanat teil (vgl. § 22 Abs. 8 DekO).

c)    Die strategischen Ziele werden von der Hauptabteilung VI Caritas zusammen mit dem Dekan entsprechend der örtlichen Bedarfe ab-gestimmt.

d)    Der Dekan wirkt entsprechend § 22 Abs. 5 DekO bei Zielverein-barungen der/des Träger/s mit der PFL-Leitung mit.

e)    Der Träger bestellt die Leitung der PFL im Einvernehmen mit dem Dekan und dem Mitträger (bei ökumenischen Stellen).


[1] IFaS (Institut für angewandte Sozialwissenschaften) Stuttgart: Die Menschen hinter den Zahlen. Arme Kinder  und ihre Familien in Baden-Württemberg, Stuttgart, März 2009

[2] KVJS, (Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg). Bericht zu Entwicklungen der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen in Baden-Württemberg 2008. Zusammenfassung zentraler Ergebnisse, S. 9

[3] vgl. z.B.:„Aktuelle, Fakten, Daten,Trends zur Erziehungsberatung in Baden-Württemberg“, in LAG  (Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung) nachrichten 1-2-2007, S. 5

[4] vgl. Sachverständigenkommission des 13. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung (Hg.): Expertise „Der Beitrag der Erziehungsberatung zur Förderung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“, Juni 2009, S. 32

[5] ebd., S. 97

[6] ebd., S. 96

[7] Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist in Baden-Württemberg zwischen 1995 und 2005 bei beendeten Beratungen eine Zunahme von 27 % zu verzeichnen. Vgl. LAG-nachrichten 1-2-2007, S. 5

[8] Vgl. LAG- nachrichten 1-2-2007, S. 5

[9] KVJS, S. 99

[10] KVJS, S. 92

[11] Darauf macht eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aufmerksam: Christine Henry-Hutmacher, Eltern unter Druck, 2008

[12] Vgl. Kröger, Christine et. al., Paare sind Architekten der Familie. Zur Bedeutung der Paarbeziehung für die Familienentwicklung, in Beratung aktuell. Heft 3/ Junfermann 2008, S. 139 - 152

[13] Scheidungsfolgekosten für öffentliche Haushalte im Rahmen von Wohngeld und Sozialhilfe werden auf rund 4 Milliarden € geschätzt. Vgl. Kröger, a.a.O., S. 150

[14] Auszug aus Kapitel 6 „Beratung . Auf dem Stand von 1982“ der Broschüre: „Für eine familienorientierte Landespolitik in Baden-Württemberg“. Eine Argumentationshilfe für das familienpolitische Engagement kirchlicher Dienste, Einrichtungen und Organisationen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Hrsg. Bischöfliches Ordinariat Rottenburg-Stuttgart, 2011)